Nachts, irgendwo
Die Person ging die Reihe ab, wie in jeder Nacht, die sie hier verbrachte, und zählte.
Es war nicht nötig. Die Zahl der belegten Betten stand auf dem Bildschirm am Ende des Ganges, und sie änderte sich selten. Aber Zählen war etwas, das man mit den Händen tun konnte, und die Hände brauchten etwas zu tun, wenn es so still war.
Vierzehn. Fünfzehn. Sechzehn.
Bei siebzehn blieb die Person stehen, weil der Monitor über dem Bett einen ungewohnten Ton von sich gab. Einmal. Dann wieder das gleichmäßige Piepen wie bei allen anderen. Die Person wartete eine Minute, dann eine zweite. Nichts. Sie zog das Laken glatt, das nicht verrutscht war, und ging weiter.
Am Ende des Ganges lag die Liste. Papier, nicht Bildschirm, weil Papier nicht ausfiel. Die Person nahm den Bleistift, der an einer Schnur hing, und zog unter einer Nummer einen Strich. Nicht durch die Nummer. Darunter. Das war der Unterschied, und es war wichtig, den Unterschied zu kennen.
Dann schaltete sie das Licht aus, bis auf die kleinen grünen Lampen über den Türen, die nie ausgingen, und ging hinauf, durch die leeren Flure eines Altenheims, das seit Jahren niemand mehr betrat, dorthin, wo es Fenster gab.
1. Teil · Am Küchentisch
Januar, Samstag, 23:10 Uhr
Es fing an, wie die meisten großen Entscheidungen in Kevins Leben angefangen hatten: An einem Küchentisch, nach der zweiten Flasche Wein und dem dritten Wodka.
Es war ein Samstag im Januar, draußen nieselte es seit drei Tagen ohne Pause, und sie saßen zu viert bei Katrin und ihm in der Küche, weil es dort die bequemsten Stühle gab und weil Katrin gekocht hatte. Mira hatte den Wein mitgebracht, für Katrin und sich. Jonas hatte den Wodka mitgebracht, für Kevin und sich, und den Nachtisch vergessen, wie immer.
Das Fenster war beschlagen, dahinter glänzten die nassen Dächer. Katrin hatte Lasagne gemacht, ein Blech für sechs, weil sie wusste, dass Jonas für zwei aß.
Sie kannten sich seit Jahren, so lange, dass keiner mehr sagen konnte, wann aus „Kevins Kumpel“ und „die Freundin von Mira“ einfach „wir vier“ geworden war. Als Jonas’ Großvater gestorben war, hatte Kevin ihm die Rede für die Beerdigung geschrieben, weil Jonas selbst keinen Satz herausbekam, und war in der Kirche in der dritten Reihe sitzen geblieben, damit Jonas jemanden hatte, den er ansehen konnte, wenn die Stimme wegbrach.
Kevin und Katrin waren beide dreiunddreißig, Mira neunundzwanzig und Jonas dreißig, und Jonas ließ keine Gelegenheit aus, die beiden daran zu erinnern, dass sie die Alten in dieser Runde waren. Wenn Kevin sich beim Aufstehen den Rücken hielt. Wenn Katrin um elf gähnte.
Kevin rächte sich zuverlässig, und an diesem Abend tat er es, als Jonas gerade die letzten verbrannten Käseränder vom Blech kratzte. Er stützte das Kinn in die Hand und fragte mit der Stimme einer Kindergärtnerin: „Hast du noch Durst oder Hunger, mein Kleiner?“
Jonas warf die Serviette nach ihm. Sie landete auf halber Strecke in der Salatschüssel. Mira lachte so sehr, dass sie Wein auf ihren Pullover kippte, und Katrin sagte, sie seien alle drei unmöglich, und lachte mit.
Dann wurde es ruhiger. Die Kerze war heruntergebrannt, der Regen tickte gegen die Scheibe.
„Ich hab keine Lust mehr“, sagte Mira, mitten in eine Pause hinein, und alle wussten, was sie meinte. Nicht den Abend. Alles andere. Den Januar, den Job, die Woche, die immer gleich anfing und gleich aufhörte.
Mira jammerte nie. Sie war die, die morgens als Erste wach war, die Nachrichten las und beim Frühstück erklärte, warum die Welt trotzdem nicht unterging.
„Dann lass uns abhauen“, sagte Jonas.
Er sagte es, wie er solche Dinge immer sagte, halb im Scherz, so wie er auch schon vorgeschlagen hatte, einen Foodtruck zu kaufen oder nach Island auszuwandern, um Pferde zu züchten. Aber diesmal lachte keiner.
Kevin sah Katrin an. Katrin sah in ihr Weinglas.
„Wohin denn?“, fragte sie.
Jonas schien erst jetzt zu begreifen, dass sie es ernst meinte. Er bekam rote Ohren, und das lag nicht am Wodka. „Egal. Weg. Work and Travel. Achtzehn Monate. Wir arbeiten da, wo es uns gefällt, und wenn es uns nicht mehr gefällt, ziehen wir weiter.“
„Mit Anfang dreißig?“, fragte Kevin. „Work and Travel machen Leute, die gerade Abi haben.“
„Und warum nur die?“, fragte Mira. „Wir hätten Ersparnisse. Wir hätten Berufe. Wir könnten das sogar richtig machen.“
Danach wurde es still, die gute Art von Stille, in der jeder für sich schon anfängt zu rechnen.
Kevin konnte von überall aus arbeiten, solange es Internet gab; seine Kunden kannten ihn ohnehin nur als Stimme am Telefon und als Namen unter Rechnungen. Katrin hatte sowieso vorgehabt, sich etwas Neues zu suchen. Mira war zwischen zwei Projekten. Und Jonas hatte nichts, was ihn hielt, außer den drei Menschen an diesem Tisch und einer Pflanze, die Mira ihm geschenkt hatte und die er seit dem Sommer vergaß zu gießen.
Kevin holte einen Kugelschreiber aus der Schublade und schrieb Zahlen auf eine Serviette. Miete, Ersparnisse, Flüge, Visum. Er rechnete schnell, wie immer, und hatte das Gefühl, dass gerade etwas anfing, das sich nicht mehr zurückspulen ließ. Es war ein gutes Gefühl. Erst später fiel ihm ein, dass Jonas ihm dabei zugesehen hatte wie jemand, der neben einem offenen Fenster steht.
„Und wenn was schiefgeht?“, fragte Jonas, leiser, als er wohl wollte. „Wenn einer krank wird. Oder wenn wir irgendwo landen, wo es richtig blöd ist.“
Kevin sah von seiner Serviette auf. „Du hast das gerade vorgeschlagen.“
„Ja. Und jetzt hab ich Angst davor. So bin ich halt.“
Niemand lachte. Katrin drehte ihr Glas einmal auf dem Tisch herum, bis der Rotwein einen dunklen Ring hinterließ.
„Wenn wir das machen“, sagte sie, „dann zusammen. Alle vier. Keiner geht allein. Und keiner fährt allein heim, wenn es blöd wird.“
Sie sagte es so ruhig, dass es nach mehr klang als nach Sätzen, die man kurz vor Mitternacht sagt. Nach einer Regel. Mira legte die Hand auf Katrins Arm, und Kevin sah, wie Jonas’ Schultern herunterkamen.
„Alle vier“, sagte Jonas und hob sein Glas.
Mira hob ihres. Katrin auch. Kevin zögerte am längsten, nicht aus Angst, sondern weil er die Rechnung noch einmal prüfen wollte. Die Zahlen ergaben am Ende eine Summe, die zu klein war und gerade groß genug. Gerade groß genug reichte ihm. Er zuckte mit den Schultern und stieß an. „Man lebt nur einmal.“
Die Gläser klirrten. Kevin dachte, dass er sich später an genau diesen Moment erinnern würde, an die beschlagene Scheibe und die heruntergebrannte Kerze und die Serviette mit seinen Zahlen. Er wusste nur nicht, ob gern.
Am nächsten Morgen um zehn schrieb Mira in die Gruppe: „Ich hab gestern Abend noch nachgeschaut. Nevada. Da suchen sie Leute, auch ohne Papiere. ESTA reicht, neunzig Tage, das geht schnell.“
Um zehn nach zehn schrieb Jonas: „Bin dabei. Aber mit ESTA darf man nicht arbeiten. Wenn die uns erwischen, kommen wir da nie wieder rein.“
Um Viertel nach zehn Katrin: „Wir auch.“
Kevin schickte nur einen Daumen. Gelesen hatte er die Nachricht schon um zehn Uhr eins, im Bett, und dabei die Zimmerdecke angegrinst.